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Sprachschädiger Digitalisierung?


 

Das Web hat seine eigene Symbolik, seinen eigenen Slang und Abkürzungen – das ist zwar vielen ein Dorn im Auge, aber eine Notwendigkeit.


Im Zuge der Digitalisierung beklagen viele, dass dadurch nicht nur jegliche Konventionen von Rechtschreibung und Grammatik über den Haufen geworfen, sondern sich auch Ersatzsprachen etablieren würden, die letztendlich die Muttersprache schädigen. Doch stimmt das? Zerstören Emojis und SMS-Abkürzungen unser alltägliches Sprachbild?


Sprachen und Schrift begleiten den Menschen seit Jahrtausenden und entwickelten sich dabei von einfachen Symboliken zu hochkomplexen Strukturen. Allen Sprachen und Schriften gemein ist, dass sie immerzu lokalen oder globalen Änderungen unterlagen - auch in Österreich ähnelt die Alltagssprache heute nur noch entfernt dem, was vor nur hundert Jahren Usus war. Doch während solche Änderungen bislang meist über Jahre bis Jahrzehnte langsam ins Sprachbild eindrangen, änderte sich dies mit der Digitalisierung rasant: Wer heute elektronisch kommuniziert, muss wissen, was kryptisch anmutende Symbolfolgen wie ;-) und ROFL bedeuten, damit er sein Gegenüber versteht. Kritiker führen an, dass so rasante Änderungen und der aus dem Web kommende Einfluss des Englischen nicht nur nerven, sondern Sprachen schädigen, statt sie zu bereichern. Doch stimmt das? Wie viele LOLs und Zwinker-Smileys hält eine Sprache aus, ohne Schaden zu nehmen? Ein Kommentar.

 


1) Sprache – ein immerwährender Prozess


 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 1 ©pixabay.comWie eingangs bereits angeschnitten, ist allen Sprachen gemein, dass sie nie wirklich stillstanden. Dies galt bereits vor Jahrtausenden:

 

1.1 Kurze Geschichte von Schrift und Sprache

1.1.1 Wie entstanden Sprachen?

 

Wie die Forscherwelt annimmt, war die Möglichkeit, Laute im Sinne von Worten zu formulieren, eine Sache von Jahrtausenden der Evolution: Vor rund 100000 Jahren waren die Veränderungen im Nasen- und Rachenraum sowie im Bereich der Stimmbänder so weit fortgeschritten, dass die Urmenschen die anatomischen Voraussetzungen zum Sprechen hatten. Uneins ist sich die Forschung hingegen darüber, wie die eigentlichen Sprachen entstanden: Eine Theorie besagt, dass sich in Stammesgruppen Warnsignale ausbildeten, mit denen sich die Urmenschen auf Gefahren aufmerksam machten.

 

1.1.2 Die Anfänge in Afrika
 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 2 ©crimson © fotolia.com
Aufgrund der Ähnlichkeit vieler Worte in unterschiedlichen Sprachen rund um den Globus gehen Forscher davon aus, dass alle Sprachen auf eine Ursprache zurückgehen. Analog zu neueren Erkenntnissen über Urmenschen in Ostafrika, vertreten heute Wissenschaftler wie der Linguist Merritt Ruhlen den Standpunkt, dass hier auch besagte Ursprache entstand.

 

1.1.3 Die ersten Schriften:
Von Jiahu bis zum Etruskischen Alphabet


Während Sprachen wie angemerkt bereits seit mehreren zehntausend Jahren existieren, so sind Schriften viel jünger: Eine der ältesten bekannten Schriftarten ist die Jiahu-Schrift aus China. Sie wird um das Jahr 6600v.Chr. datiert. Im Verlauf der nächsten Jahrtausende entstanden mehrere Schriften bis hin zum etruskischen Alphabet – welches bereits im 7. Jahrhundert v.Chr. Buchstabenfolgen verwendete und als Basis für das Lateinische gilt.


1.1.4 Entwicklungen seit der Zeitwende


Mit der Assimilation vieler Völker durch das Römische Imperium wurden deren Sprachen meist durch das zum indogermanischen Sprachsystem gehörige Latein abgelöst und gingen verloren. Während sich in Asien von diesem Einfluss unbeeindruckt Sprachen und Schriften bis heute weiterentwickelten, galt in Europa forthin das Lateinische als Mutter vieler Sprachen, auf denen etwa Französisch, Italienisch, Spanisch und weitere basieren – die Romanischen Sprachen. Doch wie auch das Lateinische auf dem Indogermanischen basiert, so war letzteres auch Wurzel für das Germanische, aus dem unter anderem das heutige Deutsch und Englisch hervorgingen – insgesamt sprechen daher heute rund drei Milliarden Menschen den Nachfolger einer indogermanischen Sprache. Die einzigen Ausnahmen liegen in Ostasien sowie in Afrika.

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Grafik 1 ©-

 

1.2 Kann eine Sprache überhaupt „verunstaltet“ werden?

1.2.1 Vergleich für und wider

 

Einerseits ist es natürlich möglich, eine Sprache durch das Auslassen von Rechtschreibung, Interpunktion usw. so zu verändern, dass sie kaum noch zu erkennen ist. Dennoch müsste, um eine Sprache wirklich zu „verunstalten“, eine solche Vorgehensweise von vielen Sprechern verfolgt werden. Dann allerdings fände eher eine Evolution statt.

 

1.2.2 Wenn Sprache politisch wird

Eine tatsächliche Gefahr besteht hingegen, wenn Begrifflichkeiten für politische Zwecke instrumentalisiert und aus ihrer Ursprungsbedeutung herausgelöst werden. Besonders geschah dies während des Dritten Reiches. Durch Nazis missbrauchte Begriffe sind dadurch heuer fast unbenutzbar – Endlösung etwa, oder Gaskammer – oder zumindest mit einem deutlichen Stigma belegt: Rasse, Volk, Mischehe, Selektion oder Sonderbehandlung.

 

1.3 Sprachevolution oder Spracherosion?


1.3.1 Beispiel Latein: Die „untote“ Sprache

Das Lateinische ist ein fast schon perfektes Beispiel dafür, dass eine Sprache nicht mehr als Verkehrssprache dient, aber dennoch weiterentwickelt wird: So entstehen auch heute noch Übersetzungen für neuzeitliche Wörter zurück ins Lateinische und zudem wird kein Mediziner in Österreich seinen Abschluss machen, ohne dass er ein Latinum nachweisen kann – Sprachevolution in Reinform.

 

1.3.2 Eindeutschen und Denglisch

Umgekehrt kann eine Sprache durch Hinzufügen von Wörtern anderer Sprachen auch erodieren, sofern für diese Wörter bereits Alternativen bestehen. Auch bei uns hielten englische Begriffe – Sale, New, etc – Einzug in den Alltag, obwohl passende deutschsprachige Wörter dafür existieren.

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Grafik 2 ©-

 

1.3.3 Regionale Eigenheiten: Dialekte

Darüber hinaus entstanden aber aus fast jeder Sprache lokale Eigenheiten in Form der Dialekte: Ein echter Wiener und ein Norddeutscher aus Hamburg sprechen primär die gleiche Sprache, klingen jedoch vollkommen unterschiedlich. Trotzdem würde hier niemand von einer Verunstaltung sprechen.

 

1.3.4 Zwischenfazit: Sprache ist immer im Wandel

Damit ist zumindest der Beweis erbracht, dass kaum eine Sprache dieser Welt davor gefeit ist, im Lauf der Zeit Änderungen zu erfahren. Ob diese positiv oder negativ sind, liegt im Auge des Betrachters. Fakt ist nur, dass jede Sprache im stetigen Wandel ist – der nur normalerweise länger als ein Menschenleben dauert und daher schnellere Änderungen leicht missinterpretiert werden können.

 


2) Das Web und die Sprache


Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 3 ©-Wichtig wird diese vorangegangene Erkenntnis auch beim Verstehen der Web-Sprache. Denn so, wie die Digitalisierung anderes rasant verändert, agiert sie auch bei der Sprache.


2.1 Englisch – Weltumspannender Ersatz?


Auch wenn für fast jede Sprache mehr oder weniger viele Webseiten existieren, so sind doch die meisten Web-Texte auf Englisch verfasst, genauer gesagt 53,9 Prozent, dies aus einem bestimmten Grund:


2.1.1 Warum ist eine Sprache für das Web so wichtig?

Englisch war schon eine Weltsprache, als das Internet kaum mehr als Theorie in den Köpfen einiger Tüftler war. In der digitalen Welt spielt es eine so große Rolle, weil das Web, als Ort, auf den jeder von überall her Zugriff hat, eine Haupt-Sprache benötigt – Seiten in anderen Sprachen sind auch wichtig, aber die Haupt-Zuleitung, von der alles auf regionale Seiten übersetzt wird, ist, muss sogar Englisch sein. Warum? Es wird in den meisten Ländern als erste Fremdsprache gelehrt, ist leicht zu erlernen und basiert im Gegensatz zu anderen weitverbreiteten Sprachen wie etwa Chinesisch auf dem lateinischen Alphabet. Letzteres ist nur in wenigen Ländern nicht Schriftbasis und kann viel schneller erlernt werden, als beispielsweise die rund 87000 Schriftzeichen des Chinesischen (selbst wenn davon im Alltag nur rund 5000 verwendet werden).

 

2.1.2 Wieso ein Web mit dutzenden Sprachen nicht global funktioniert

Aus dem gleichen Grund wäre ein Web, in dem es keine Einzelsprache als „Baumstamm“ gibt, von dem alle anderen Sprachen abgehen, kein echtes World Wide Web: Angenommen, ein Artikel erschiene in Brasilien. Dann könnte er nur in Südamerika und Portugal gelesen werden. Durch die Verbreitung des Englischen hingegen kann er a) überall auf der Welt gelesen und b) in andere Sprachen weiterübersetzt werden.


2.1.3 Das Web ist kein Sprachzerstörer

Analog zu dieser Denkweise kann das Web keiner Sprache schaden: Es existieren ja nach wie vor regionale Pages. Englisch dient hier nur als notwendiger Verteiler, damit sich auch ein Chinese mit einem Italiener, ein Polynesier mit einem Dänen usw. unterhalten kann. Gleichsam zeigt dieser Artikel sehr deutlich, dass selbst in vorchristlichen Zeiten Sprachen und Schriften nicht nur immer eine gemeinsame Basis hatten, sondern sich auch ausnahmslos entweder weiterentwickelten (und anpassten) oder ausstarben. Wer seine Muttersprache pflegen will, muss sie also immer aktuell halten und somit offen für Neues sein, das sich aus anderen Sprachen einbürgert.


2.2 AFK, ROFL und BRB: Digitalisierte Abkürzungen

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 4 ©Nmedia © fotolia.com
Einer der Kritikpunkte an den Sprach-Eigenheiten der Digitalisierung sind die vielen Abkürzungen, die zudem oftmals auch auf dem Englischen basieren. Doch hier ist Technik der „Übeltäter“:


2.2.1 Hintergründe: Die kurze SMS

Der Online-Trend, Sätze mit zwei, drei Buchstaben abzukürzen, liegt nämlich in der Frühzeit der Mobiltelefone: Damals waren SMS technisch auf 160 Zeichen begrenzt – zudem wurde pro Nachricht abgerechnet. Wer also jemandem schreiben wollte: „Bin mal kurz in der Küche, ich melde mich gleich wieder. Bevor ich es vergesse: Bring nachher bitte noch Eier und Käse mit, damit wir heut Abend Omelette kochen können“ hätte dafür zwei SMS benötigt. Kürzer geht es mit „BRB bring Eier + Käse mit für Omelette“.

Das bedeutet: Die SMS erzwang geradezu eine radikale Verkürzung und die Einführung von passenden und allgemeinverständlichen Abkürzungen.


2.2.2 Kein Web-Phänomen: Abkürzungen gibt’s überall

Dabei waren Kürzel schon lange vor der SMS notweniges Übel: Wer etwa seinen Wehrdienst beim Bundesheer leistete, kennt auch heute noch Dinge wie ABA, GWD, VbK, den Posten eines KzlUO oder den KpKdt ohne dass er jemals ein Handy in der Hand gehabt hätte. Gleiches gilt auch im Zivilleben: Kaum eine Sprache, die ohne Abkürzungen auskäme.

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Grafik 3 ©-


2.2.3 Warum auch ohne Zeichenbeschränkung geLOLt wird

Zwar existieren mittlerweile Messenger-Dienste auf Mobiltelefonen ohne Zeichenbeschränkungen – dennoch werden sie weiterhin verwendet. Warum? Einerseits, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten Teil eines ganz eigenen Netzjargons wurden, andererseits, weil es schlicht wesentlich schneller ist „LOL“ zu tippen, als „Ich lach mich grad kaputt“ – unsere Zeit ist schnelllebig, nicht nur, aber vor allem in digitalen Dingen. Solange jeder weiß, wofür eine Abkürzung steht, ist das kein Problem für eine Sprache. Zumal kaum jemand im wirklichen Leben laut „Lol“ ausrufen wird.

 

 

 

 

2.3 Wo bleibt der Dislike-Daumen? – Symbolik

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 6 ©-

 

 

 

Wesentlicher Teil des Netzjargons, wenn auch weniger unter Kritiker-Beschuss, sind seine Symbole, die Stimmungen ausdrücken.

 

 

2.3.1 Emoticons:
Geschichte und Hintergründe
 

:-) Was heute mit Phantasie und nach links gelegtem Kopf ein lachendes Gesicht ergibt, wurde bereits Ende der 1800er als Telegraphensymbole verwendet.

1982 entstanden die Emoticons nach heutigem Verständnis: Der Informatiker Scott Fahlman hatte es satt, dass seine Online-Texte häufig missverstanden wurden und schlug vor, ironisch gemeinte Sätze mit Zeichen so zu markieren, dass sie als Lachen erkennbar waren.
 

Hier Fahlmans Original-Post im Bulletin-Board seiner Universität:

 

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2.3.2 Emoticons drücken mehr aus als Worte

Das besondere an Emoticons und den Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 7 ©- grafischeren Emojis ist die Tatsache, dass sie als Ersatz von Mimik und Gestik in einem Dialog fungieren, der nicht von Angesicht zu Angesicht geführt wird. Damit sind sie eine echte Bereicherung auch für analoge schriftliche Kommunikation: Ein passendes Emoticon kann dem Leser erst die Meinung des Schreibers kundtun, kann Ironie und dutzende weitere Gefühle ohne lange Umschreibungen ausdrücken – ganz so, wie „echte“ nonverbale Kommunikation.


2.3.3 Wie meinst Du das? Warum anonyme Kommunikation ohne Symbole nicht auskommt

Wichtig wird das vor allem digitalen Bereich, wo die wenigsten Diskussionen „Aug‘ in Aug‘“ geführt werden: Hier kommt Symbolen nicht nur die gleiche Bedeutung wie die der Abkürzungen zu, sondern mehr: Ein ;-) kann wortlos dafür sorgen, dass der Leser versteht, dass die an ihn gerichtete Mail ironisch gemeint war. Auch dies spart Platz und Zeit und nicht zuletzt ermöglicht es, Schriftverkehr so persönlich zu gestalten, wie es sonst nur möglich wäre, wenn sich beide Personen in einem Raum befänden. Ohne Symboliken würde anonyme Kommunikation von Menschen unterschiedlicher Kulturen zu Missverständnissen führen – zudem haben Emoticons und Co keine Bedeutung in zwischenmenschlichen Diskussionen abseits des geschriebenen Worts.

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 8 ©-

 


3) Kein Schaden für die Sprache


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3.1 Websprache ≠ Alltagssprache


Eine schlichte Tatsache ist, dass das, was im Web und in Kurznachrichten kommuniziert wird, sich selten in die Alltagssprache übertragen lässt:

 

3.1.1 Was im Web funktioniert, funktioniert noch lange nicht beim Sprechen

Wie schon angemerkt, wird in der realen Welt niemand „lol“ sagen ohne schief angeschaut zu werden, wenn er einen guten Witz hört, sondern einfach drauflos lachen. Hier muss sich vor Augen geführt werden, dass nahezu alles, was im Web an Abkürzungen und Symboliken existiert, nur eine Anpassung realer zwischenmenschlicher Kommunikationsformen an Online-Bedingungen ist.

Das bedeutet: Angst vor zu viel Web-Einfluss auf unsere Sprache ist schlicht unbegründet, da für alles, was im Web abgekürzt und symbolisiert wird, bereits seit Ewigkeiten vertraute Kommunikationsformen des Menschen existieren – auch abseits der Sprache. Für diese gibt es auch keinen Ersatz: Wie sollten sich etwa Emoticons in analoge Sprachen einschleichen? Dazu müsste ein Sprecher ja schon ein Schild mit dem gemalten Symbol vor sich hertragen.


3.1.2 Körpersprache: Persönliche Kommunikation benötigt keinen Smiley

Das tritt vor allem bei nonverbaler Kommunikation zu Tage: Natürlich, wer Kurznachrichten austauscht, benötigt Emoticons und Co, um die Stimmung einer Aussage ohne lange Umschreibungen ins rechte Licht zu rücken. Unterhalten sich Personen aber von Angesicht zu Angesicht, geschieht dies durch nonverbale Kommunikation, durch Mimik und Gestik. Hier weiß das Gegenüber sofort, wie ein Satz gemeint ist, wenn der Gesprächspartner dabei zwinkert.


3.2 Logische Weiterentwicklung


Damit sind gleich mehrere Beweise erbracht: Erstens ist der überwiegende Teil der kritisierten Kommunikationsformen auf digitaler Ebene eine schlichte Notwendigkeit, die sich aus der Anonymität des Webs ergibt. Und zweitens haben diese Formen kaum Schnittmengen mit analoger Sprache, weil hier die Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 10 ©-altbekannten Muster der nonverbalen und verbalen Kommunikation nicht nur nach wie vor, sondern wesentlich besser funktionieren.


3.2.1 Eine neue Welt braucht eine neue Sprache

Zudem müssen Kritiker einsehen, dass die Digitalisierung ähnliche Bedeutung für die Menschheit hat, wie die Entdeckung des amerikanischen Doppelkontinents: Mit SMS, Internet und Co. entstand eine gänzlich neue Welt, in der sich jeder mit jedem jederzeit unterhalten kann. Damit es wegen der unterschiedlichen Weltsprachen und den je nach Kultur stark abweichenden Variablen nonverbaler Kommunikation keine Missverständnisse gibt, muss digitale Kommunikation ihre eigene, allgemeingültige Sprachform haben. In der realen Welt wird ein Salzburger Buchhändler selten auf einen taiwanesischen Architekten treffen. Im Web kann dies aber durchaus der Fall sein. Und dann wird mit dem Englischen nicht nur eine Sprache benötigt, die beide Personen sprechen, sondern mit Emoticons und Abkürzungen auch weitere Dinge, die allgemeinverständlich sind – ganz gleich wie die Diskussionspartner in ihrer jeweiligen Sprache und Kultur die Kommunikation handhaben würden.


3.2.2 Stillstand ist der Sprache Tod

Daneben wurde zu Anfang dieses Artikels der Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 11 ©-Beweis erbracht, dass selbst das „tote“ Latein immer weiter um moderne Begriffe ergänzt wird. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Eine Sprache, die sich der Anpassung an wie auch immer gearteten Wandel verschließt, ist schnell nicht mehr aktuell, weil ihr wichtige Begrifflichkeiten fehlen. Da jedoch der Mensch zwingend alles mit Worten umschreiben können muss, wird ein solcher Stillstand dazu führen, dass die Sprecher sich anderen Sprachen zuwenden. Die Sprache, die stillsteht, wird aussterben. Mittlerweile sind auch Experten der Meinung, dass Online-Kommunikation mitnichten der Sprache schadet, wie hier zu lesen ist.


3.2.3 „Digitalisch“ ist auch nur ein Dialekt

Selbst wer an diesem Punkt nicht ganz überzeugt ist, sollte sich vor Augen halten, dass auch die Web-Sprache nur eine Art von Dialekt ist, die unter Eingeweihten und in bestimmtem Zusammenhang gesprochen wird: Wer gerade auf einem Diskussionsforum surft, verwendet diesen Dialekt, damit ihn alle verstehen. Loggt er sich aus, spricht er wieder seine normale Sprache. Ganz so, als würde ein Österreicher aus einem Urlaub zurückkehren und statt eines eingefärbten Hochdeutsch wieder in seinen Kärntener Dialekt verfallen.

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Bild 12 ©-

 


4) Zusammenfassung & Fazit: Die Digitalisierung schadet der Sprache nicht, sie erweitert sie


 

In diesem Zusammenhang muss auch der größte Kritiker einiges einsehen, das sich am besten in Stichpunkten erklären lässt:

 

• Web als weltumspannendes Phänomen benötigt eine allgemeingültige Sprache

• Alle Abkürzungen und Symboliken sind nur Erweiterungen für den digitalen Raum

• Die wenigsten Web-Eigenheiten funktionieren in persönlicher Kommunikation:
  Hier existieren keine Wortzahlbegrenzungen und keine Anonymität, die nonverbale Kommunikation
  verhindern würde.

 

Wichtig ist dabei nur, dass jeder begreift, dass das, was im Web geschieht, auch dort bleibt: Wenige nehmen es übel, wenn in einer SMS Rechtschreibung und Kommasetzung lax gehandhabt werden. Dennoch müssen diese Standards in analogen Kommunikationsformen beibehalten werden: Hier ist vor allem die Jugend gefordert, die manchmal keine Grenze zieht und deshalb häufig der Anlass für einen befürchteten Sprachschaden durch die Digitalisierung ist.

 

Aber selbst dabei sollte eines beachtet werden: Nahezu jede Generation von Jugendlichen, schon lange vor der Digitalisierung, verwendete ihren eigenen Slang, um sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. Und trotzdem wurde unsere Sprache dadurch nicht geschädigt. Auch das Web wird dies nicht schaffen, selbst wenn es diesen Anspruch hätte (was es nicht hat). Und sogar einige der größten Köpfe der Weltgeschichte hatten es nicht so mit Rechtschreibung:

 

Schadet Digitalisierung der Sprache? Grafik 5 ©-

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